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Wiege des Christentums

"Land der Steine" wird Armenien liebevoll von seinen Bewohnern genannt: Sie stehen auch für 3.000 Jahre Kultur zwischen Ost und West

Klöster gibt es in Armenien zuhauf, von ganz klein bis sehr prunkvoll

 

Von Fred Hafner

Jerewan. Es ist jetzt 2 Uhr nachts. Nach der Ankunft am Flughafen in Jerewan ist die halbstündige Taxifahrt in unser Hotel im Zentrum der Stadt gelegen gewöhnungsbedürftig: Denn die Straßen der armenischen Hauptstadt sind stockdunkel. Nicht eine Straßenlaterne brennt. Der Guide erklärt uns, das sei normal mitten in der Nacht. Für ein paar Stunden werde das Licht regelmäßig abgeschaltet, es sei ja eh keiner auf der Straße. Mit letzterer Aussage hat er zweifelsfrei recht. Die Straßen sind menschenleer, lediglich einige wenige Autoscheinwerfer tasten sie ab. 

Wir sind für eine Woche in Armenien, wollen das Land bereisen, vor allem auch abseits der Hauptstadt. In der Fläche ist Armenien gerade mal so groß wie Brandenburg. Es liegt auf der Grenzlinie zu Vorderasien, fühlt sich aber seit jeher kulturell, politisch und religiös Europa zugehörig.

Blick über die Hauptstadt Jerewan in der Morgensonne, im Hintergrund der Ararat-Berg.
Jerewan: Viele Plattenbauten aus Sowjetzeiten dominieren die Wohnviertel.

Blick über die Hauptstadt Jerewan in der Morgensonne, im Hintergrund der Ararat-Berg. Viele Plattenbauten aus Sowjetzeiten dominieren die Wohnviertel.

Jerewan: Diesel- und Oberleitungsbusse quälen sich durch den dichten Verkehr.
Jerewan: Die Kognakfabrik Ararat produziert weltweit prämierte Brandys und exportiert sie rund um den Erdball

Diesel- und Oberleitungsbusse quälen sich durch den dichten Verkehr. Die Kognakfabrik Ararat produziert weltweit prämierte Brandys und exportiert sie rund um den Erdball

Am frühen Morgen schon ein ganz anderes Bild: Quirliges Großstadtleben erwartet uns vor unserem Hotel, das übliche Verkehrschaos. Die auffallend gut gekleideten Menschen eilen in die Büros, zur Arbeit, in die Fabriken oder zur Uni. Denn Jerewan ist auch eine Studentenstadt, das wird im Stadtbild überall sichtbar. Westliche Reklamen blinken von den Fassaden, Obst- und Gemüsehändler erwarten ihre ersten guten Geschäfte am Vormittag.

 

Die jungen Menschen im Stadtbild der Hauptstadt Armeniens täuschen. Das Land hat große demographische Probleme. Die letzten Volkszählungen ergaben rund 3 Millionen Einwohner, aber die Zahlen werden selbst bei Einheimischen mit großer Vorsicht genossen. Etwa die Hälfte davon, ca. 1,5 Millionen Einwohner, leben in Jerewan. Seit der Unabhängigkeit 1991, die nach wie vor als große Chance gesehen wird, sind allerdings mehr als eine Millionen Armenier ausgewandert. Vor allem Richtung USA, aber auch nach Westeuropa.

 

Der Exodus von jungen, gut ausgebildeten Menschen macht dem Land zu schaffen. Die Überalterung wird sehr rasch sichtbar, sobald wir uns nur wenige Kilometer von Jerewan entfernen. Neben der Auswanderung gab und gibt es durch den Konflikt mit Aserbaidschan um Berg-Karabach viele junge Männer, die fahnenflüchtig werden – und viele Tote. Dazu kommt: 170.000 Angehörige der aserbaidschanischen Minderheit haben Armenien verlassen. Natürlich hat der Krieg auch Flüchtlinge ins Land gespült, aber die ersetzen in der Mehrzahl nicht die gut ausgebildeten jungen Menschen, die das Land verlassen. Im Gegenteil: Sie bringen der ohnehin nicht starken Wirtschaft neue Probleme. Überall im Land werden wir auf unserer 3.000 Kilometer Rundreise Industrieruinen sehen. Einst produzierte Armenien viel für die ehemalige Sowjetunion und den gesamten Ostblock. Heute fehlt es an Märkten und an Konkurrenzfähigkeit. 

 

Das wir in Armenien viele Klöster besichtigen würden, war vorher klar. Es ist das Land der urchristlichen Religion. Es war Armenien, das vor gut 1.700 Jahren als erstes Land das Christentum zur Staatsreligion erhob. Heute ist es umgeben von islamisch geprägten Staaten.

Klöster und Kirchen finden sich in Armenien auf Schritt und Tritt.
Mal geht es dabei sehr traditionell zu, mal fröhlich, wie hier bei einer Hochzeit
Armeniens Klöster sind nicht nur Besichtigungsorte, sondern werden von den Einheimischen aller Glaubensrichtungen intensiv genutzt.
Mal geht es dabei sehr traditionell zu, mal fröhlich, wie hier bei einer Hochzeit

Klöster und Kirchen finden sich in Armenien auf Schritt und Tritt. Sie sind nicht nur Besichtigungsorte, sondern werden von den Einheimischen aller Glaubensrichtungen intensiv genutzt. Mal geht es dabei sehr traditionell zu, mal fröhlich, wie hier bei einer Hochzeit

Los geht’s am nächsten Tag mit der Klosteranlage Chor Virap, einer der bedeutendsten und malerischsten Wallfahrtsorte des Landes. Gregor der Erleuchter wurde hier 13 lange Jahre in einem Verließ gefangen gehalten. Danach gründete er die älteste Kirche des Christentums und begann mit dessen Bau. Der Stolz der Armenier darüber ist an diesem Ort in jedem Gesichtsausdruck erkennbar. Von hier aus – und überhaupt von vielen Stellen Jerewans – ist der höchste Berg, der Ararat, gut sichtbar.

 

Hohe Berge sind Armeniens Wahrzeichen, etwa der 4.090 Meter messende Aragaz, höchster Gipfel des Landes, und natürlich der legendäre Ararat (5.137 Meter hoch) aus Noah-Zeiten. Jener höchste Berg des schlafenden Riesen, auf dessen Hängen nach biblischer Tradition die Arche landete und sich erstmals der Regenbogen zeigte, ist von spektakulärer Schönheit.   

Der Ararat, 5.137 Meter hoch – heiliger Berg für die Armenier, doch gleichzeitig unerreichbar für sie

Der Ararat, 5.137 Meter hoch – heiliger Berg für die Armenier, doch gleichzeitig unerreichbar für sie

Aber es gibt ein Problem: Obwohl der den Armeniern als heilig geltende Ararat nur 20 Kilometer von Jerewan entfernt und gewissermaßen zum Greifen nah liegt, obgleich die Provinz südlich der Hauptstadt sogar Ararat heißt: Der Berg ist für Armenier unerreichbar.

Denn der Berg liegt nicht auf armenischem Staatsgebiet. Er liegt im äußersten Zipfel der Türkei, in der historisch Westarmenien genannten Region. Mit der Türkei jedoch kann Armenien nicht, aus verständlichen Gründen. Das 1915 begonnene Massaker, dem im damaligen Osmanischen Reich mehr als eine Million Armenier zum Opfer fielen, von Ankara noch immer nicht als Völkermord anerkannt, wirft bis heute dunkelste Schatten auf die regionalen Beziehungen.

Die Armenier betrachten die Türken als Feinde. Die Grenze ist seit Jahren dicht. Armenier können den berühmten Berg der Genesis, ihr Nationalsymbol, nur aus der Ferne betrachten. Besuchen können sie ihn nicht.

Armenien hat eine alte Kultur, ist hochinteressant  – und wird dennoch von internationalen Gästen bislang meist übersehen. 2016 kamen beispielsweise nur 320.000 Ausländer ins Land, weniger als 1.000 am Tag. Die meisten übrigens Russen, gefolgt von Deutschen. Das Land hat klar Nachholebedarf. Luxushotels und Wellnessoasen sucht man selbst in der Haupstadt vergebens, die Unterkünfte sind eher rustikal und erinnern an russische Zeiten. Auf dem Land sind die Armenier überall äußerst gastfreundlich, aber eben auch sehr arm. 

Eigentlich sind die Straßen gut ausgebaut und man käme gut voran – wären nicht mit uns auch zahllose begleitete und unbegleitete Tierherden unterwegs
zahllose begleitete und unbegleitete Tierherden unterwegs

Eigentlich sind die Straßen gut ausgebaut und man käme gut voran – wären nicht mit uns auch zahllose begleitete und unbegleitete Tierherden unterwegs

Und auch die Bauern und Händler präsentieren ihre Köstlichkeiten an den Straßen und engen sie ein.
Weil Regen und Sonne rasch wechseln, müssen sie mitunter schnell beim Ein- und Auspacken sein 

Und auch die Bauern und Händler präsentieren ihre Köstlichkeiten an den Straßen und engen sie ein.

Weil Regen und Sonne rasch wechseln, müssen sie mitunter schnell beim Ein- und Auspacken sein 

Egal, unsere Neugierde treibt uns weiter Richtung Süden, nach Goris. Das ist schon fast eine Halbtagesreise, auch wenn die Straßen gut ausgebaut sind. Aber „natürliche“ Hindernisse, wie begleitete Schafherden, streunende Hunde, wilde Pferde oder Esel sowie fliegende Händler lassen die Durchschnittsgeschwindigkeiten doch arg sinken.

Goris ist eine nicht unbedingt sehenswerte Kleinstadt (20.000 Einwohner) nahe Berg-Karabach und hat natürlich immer mal wieder mit Flüchtlingsströmen zu kämpfen. Aber Goris ist Ausgangspunkt für die prähistorischen Höhlensiedlungen – und die sollte man unbedingt bei einem Besuch Armeniens gesehen haben. Bis ins 19. Jahrhundert hatten die Menschen hier in den Sandsteinstelen und verzweigten Höhlensystemen an der linken Uferseite des Goris gelebt. Die Felsenwohnungen werden in Goris oft auch "kherdzer" genannt, eine altes armenisches Wort für Felsen. Das neue Goris wurde auf dem Reißbrett entworfen. Mit seinen schachbrettartig angelegten Grundriss erinnert es an manche amerikanischen Kleinstadt. 

In den Höhlenwohnungen bei Goris wohnten noch bis ins 19. Jahrhundert Menschen
Alte Industrieanlagen sind man häufig auf dem Land. Hier wurde bis 1990 produziert, jetzt verfallen sie einfach.

Düstere Stimmung, aber die Eingänge sind zu erkennen: In den Höhlenwohnungen bei Goris wohnten noch bis ins 19. Jahrhundert Menschen (links). Alte Industrieanlagen sind man häufig auf dem Land. Hier wurde bis 1990 produziert, jetzt verfallen sie einfach. Der Staat hat kein Geld, Privatinvestoren kein Interesse (rechts)

Wir fahren zurück, in den grünen Norden, lassen Jerewan jetzt westlich liegen. Es geht über den Selim-Pass (2.410 Meter hoch), wo wir eine bedeutende Karawanserei aus dem 14. Jahrhundert besichtigen. Solche Karawansereien gibt es vielfach in Armenien, ein Hinweis, dass viele wichtige Handelsstraßen von Asien nach Europa und umgekehrt hier verliefen. Wir übernachten in einem kleinen, aber sehr schönen Hotel im „Luftkurort“ Dilidschan. Der liegt mitten in der „armenischen Schweiz“ und hält, was er verspricht: viel Grün, Seen, ein Vogelparadies. Was für ein Kontrast zum Süden des Landes. Hier in Dilidschan zeigt Armenien ein völlig anderes Gesicht, in jedem Fall wohlhabender als in Goris. An der Rezeption wird sogar englisch verstanden und ein wenig gesprochen, die Speisen sind internationaler.

Im Weinanbau funktioniert die Marktwirtschaft: Die Keller sind gut gefüllt,
überall wird zur Verkostung eingeladen

Im Weinanbau funktioniert die Marktwirtschaft: Die Keller sind gut gefüllt, überall wird zur Verkostung eingeladen

Am nächsten Tag werden die Straßen hochinteressant: Wir fahren durch das von Schluchten und tiefen Tälern geprägte Dead-Tal, das bis zu georgischen Grenze reicht. Natürlich gibt es wieder Klöster und Kirchen zuhauf zu sehen. 

Der Bahnhof von Jerewan: Polizisten warten auf ihren Zug
Bahnhof Jerewan: Polizisten warten auf ihren Zug
Die Bauarbeiter freuen sich sogar über die willkommene Abwechslung.
Die Metrostationen sind prachtvoll, sauber und gepflegt. Sie erinnern an Sowjetzeiten

Der Bahnhof von Jerewan: Polizisten warten auf ihren Zug (Bilder oben).

Armenier sind sehr gastfreundlich, Fotografieren ist kein Problem. Die Bauarbeiter freuen sich sogar über die willkommene Abwechslung. Die Metrostationen sind prachtvoll, sauber und gepflegt. Sie erinnern an Sowjetzeiten

Zurück nach Jerewan. 3.000 Kilometer liegen hinter uns, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Wir nutzen den letzten Tag für einen Bummel zum „Platz der Republik“, zum Opernhaus sowie über die „Vorzeigemeile“ North Avenue“. Pflichtprogramm ist am Abend vor der Abreise ein Besuch der in Jerewan ansässigen Kognakfabrik mit Verkostung. Ein paar Flaschen der wirklich ausgezeichneten und international immer wieder prämierten Brandys landen im Gepäck. Eine weitere schöne Erinnerung an eine wirklich spektakuläre, facettenreiche Reise durch Armenien. (Oktober 2017) 

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