„Traditionell sind wir immer auf dem neusten Stand“
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Aktualisiert: vor 13 Stunden
Konstanz wurde im Krieg nicht zerstört. Die Stadt und das Hotel Barbarossa eint eine lange Geschichte – und heute eine urbane Modernität

Von Fred Hafner
Konstanz. Christiane Miehle führt aufs Türmchen. Es geht über den Dachboden, auf knarzenden geschichtsträchtigen Dielen, über eine sich in die Turmspitze verjüngende Holztreppe. Dann stehen wir auf dem nach dem Münster zweithöchsten Aussichtspunkt von Konstanz: Die Aussicht ist überwältigend: Wir blicken über die mittelalterliche Altstadt, auf das Münster, die Stephanskirche. Wir sehen die Hafeneinfahrt und den Bodensee. Bei 20 Grad Frühlingstemperatur staunen wir über den kristallklaren Anblick der schneebedeckten Alpen mit dem Säntis. Er ist mit 2501,9 m ü. M. der höchste Berg im Alpstein. Wir blicken direkt auf die nur 400 Meter entfernte Grenze zur Schweiz mit der Nachbarstadt Kreuzlingen. In der anderen Richtung entdecken wir die Blumeninsel Mainau und die Insel Reichenau, letztere Unesco-Weltkulturerbe. Christiane kennt diesen 360-Grad-Rundblick seit Jahren. Sie lässt uns in Ruhe staunen. Dann klärt die 48-Jährige Hotelchefin auf: „Unser Türmchen ist nicht öffentlich zugänglich, aber interessierte Gäste führen wir gern hinauf.“

Das Hotel Barbarossa liegt mitten in Konstanz. Das aufgesetzte Türmchen bietet nach dem Münster den höchsten Ausblick auf die Stadt und ihre Umgebung
Christiane und Florian Miehle führen seit 2010 das geschichtsträchtige Hotel „Barbarossa“ in Konstanz. Es liegt mitten in der Altstadt, nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. Die Miehles betreiben es in 5. Generation! „1874 erwarb mein Ur-Ur-Großvater Martin Miehle aus dem 50 Kilometer entfernten Blumenfeld das `Kaffeehaus zum Barbarossa´ am Konstanzer Obermarkt. Er wollte es als Gasthof mit gutbürgerlichem Restaurant betreiben“, berichtet der 50-jährige Florian Miehle stolz. Chronisten berichten von einem „warmen Sommertag“ damals. Und dass "Ur-Ur-Großvater Martin Miehle mit dem Kauf des „Barbarossa“ auch seinen eigenen Hauswein mit Trauben vom Kaiserstuhl im sogenannten Staufer Keller ausbauen möchte." Ein Weinfest-Deckel mit der Inschrift hängt jedenfalls noch heute im Hotel.
Links drei Generationen: Ur-Ur-Großvater Martin Miehle (sitzend) mit Karl und Fritz Miehle. Rechts die heutigen Besitzer in fünfter Generation: Florian und Christiane Miehle
Ur-Ur-Großvater Martin Miehle kaufte das Barbarossa 1874. Schon bald baute er "für den Komfort der Gäste" eine moderne Klingelanlage ein. Hotelchefin Christiane Miehle zeigt die Anlage
Konstanz liegt am Bodensee und hat ca. 87.000 Einwohner. Es ist eine junge Stadt, ein Fünftel der Bewohner, ca. 18.000, sind Studenten. Die Altstadt ist sehr gut erhalten. Das ist einer List zu verdanken: Als 1944/45 fast alle Städte rund um den Bodensee bombardiert wurden, verließen sich die Konstanzer auf ihre Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen. Sie wurde nicht verdunkelt (die Schweiz war ja neutral), worauf auch die Konstanzer entschieden, ihre Lichter brennen zu lassen. Die Bomberpiloten hielten nun die zusammenhängende Doppelstadt für Kreuzlingen und bombardierten so auch Konstanz nicht. Das hat Konstanz´ Einzigartigkeit bewahrt: Es gibt ein römisches Kastell, ein romanisches Münster und die gotische Stephanskirche. Eine Besonderheit sind ganze Straßenzüge aus dem Mittelalter im ältesten Stadtteil Niederburg. Viele Häuser tragen hier Wandmalereien, sind prächtig hergerichtet und für Besucher geöffnet. Das Konstanzer Konzil war Zeuge historischer Weltereignisse, die Imperia gilt als weithin sichtbares Wahrzeichen. Heimische Touristiker sagen, Konstanz sei mit ihren historischen Stadttürmen und zahlreichen Sehenswürdigkeiten die schönste Stadt am Bodensee. In jedem Fall lädt sie zu inspirierenden Stadtspaziergängen und zum Eintauchen in mittelalterliche Geschichte geradezu ein.
Konstanz verzeichnet ein starkes Tourismuswachstum. 2024 gab es über 511.000 Gästeankünfte und rund 1,16 Millionen Übernachtungen, das entspricht durchschnittlich 2,26 Übernachtungen pro Gast. Die Stadt wächst als Reiseziel inzwischen vor allem auch in der Nebensaison, was der Hotellerie und Gastronomie gut tut.

So auch dem Hotel „Barbarossa“: Es ist ein altehrwürdiges, traditionelles, dennoch modernes Hotel. „Viele denken beim Wort Tradition an etwas Altes und Verstaubtes. Im Barbarossa betrachten wir Tradition als Schlüssel zum Erfolg. Denn auch das kann Tradition sein: Immer auf dem neuesten Stand bleiben“, erklärt Hotelier Florian Miehle. Und so ist das Barbarossa heute mit klimafreundlicher Energieversorgung, Wärmerückgewinnung, Blockheizkraftwerk und Fotovoltaikanlage ausgestattet. Auch die fünf Generaionen vorher waren als Hotelbetreiber immer darauf bedacht, in neueste technische Entwicklungen zu investieren, um den Komfort der Gäste zu erhöhen. Schon 1903 baute Martin Miehle eine Klingelanlage ein, mit der Hotelgäste das Hausmädchen rufen konnten. Und schon damals stattete er jedes Zimmer mit einem Wasserkocher aus, „damit sich meine Gäste ein Heißgetränk (zu) bereiten können.“ Ab 1905 gab es fließendes kaltes und warmes (!) Wasser direkt auf den Zimmern.
Von links: Bibliothek/Kaminzimmer, restaurierte altehrwürdige Deckenbalken mit Zunftzeichen, eine der vier Suiten im Hotel Barbarossa
2024 feierte das Barbarossa 150-jähriges Jubiläum. Der Gast betritt nicht einfach ein Hotel. Es ist ein Ort, in dem jeder Raum Geschichten erzählt. Die 48 Zimmer haben historischen Charme. Sie sind alle individuell, 15-40 qm groß. Es gibt Standardzimmer, Komfortzimmer, vier Suiten. Es gibt eine Weinstube, eine Bibliothek mit Kamin, einen grünen Salon für größere Feiern. Vor allem aber gibt es 30 Angestellte, die dem Gast beinahe jeden Wunsch erfüllen. „Unser Team ist einzigartig, wir haben viel Stammpersonal. Viele sind seit mehr als zehn Jahren bei uns, da baut sich Verbundenheit auf“, berichtet Christiane Miehle. „Gerade in der Hotellerie herrscht oft noch ein rauer Ton unter den Beschäftigen. Das wollten wir nie. Wir setzen auf hohe Wertschätzung und Loyalität. Das zahlt sich aus!“
Und so kommen die Miehles recht gut durch die Zeit der mangelnden Fachkräfte, haben sogar extra Wohnungen für ihr Personal angemietet, um Wohnraum zu schaffen.

In den 1980er Jahren nächtigte ein amerikanisches Pärchen im historischen Zimmer 201. Bei der Anreise sprach man über die Historie des Hauses und über den vorliegenden Obermarkt, der im Mittelalter als Richtplatz und Pranger genutzt wurde. Die Gäste waren angetan von der Geschichte und bezogen beeindruckt ihr Zimmer. Gegen Mitternacht wandten sich beide völlig verängstigt an die Rezeption. In ihrem Zimmer spuke es und sie hörten die ganze Zeit schon das Jammern und Geheule der im Mittelalter hingerichteten Übeltäter. Der irritierte Rezeptionist beruhigte die Gäste und suchte nach der Ursache des Gejaules. Er hörte ein Jammern und Jaulen, was man durchaus den Geschundenen auf dem Obermarkt hätte zuschreiben können. Allerdings handelte sich es sich um einen liebestollen Kater, der seiner angebeteten Katze seine Liebe lautstark jaulend und unter Wegklagen kund tat. Die Gäste waren beruhigt und verbrachten noch einige Tage im „Spukzimmer“.
Konstanzer Hafen mit Imperia: Die Figur wurde am 24. April 1993 aufgestellt. Sie ist aus Beton gegossen, neun Meter hoch, 18 Tonnen schwer. Weil sich die Konstanzer uneinig waren, ob ihr Gesicht zur Stadt oder zum Bodensee weisen sollte, baute man noch einen Drehtisch. Mit dessen Hilfe dreht sich Imperia tagsüber innerhalb von vier Minuten einmal um die eigene Achse
Wollten die Miehles eigentlich schon immer Hotelier werden? „Ich habe drei Geschwister. Mit Selbstständigkeit ist man in unserer Familie aufgewachsen, aber sie wurde nie zur Pflicht. Es war meine freie Wahl. Meine Geschwister haben andere Berufe. Mein Vater gab mir einen leichten Schubs in Form einer höheren Berufsschule. Und dann habe ich im Jahr 2000 Christiane kennengelernt, aber erst danach erfahren, dass sie auch aus der Branche kommt“, lacht Florian. „Ja, ich habe Hotelfachfrau gelernt, ging als Au-Pair nach England, habe nebenbei in Hotels gejobbt. Florian lernte ich dann im Steigenberger in Düsseldorf kennen. Dann ging alles sehr schnell,“ ergänzt Christiane. Heute haben sie selbst drei Mädchen (17, 14, 10 Jahre). Die Familie wohnt unweit vom Hotel, „aber nicht im Haus. Die Trennung von Geschäft und Privatem ist uns wichtig."
Die Gästestruktur im Barbarossa ist sehr heterogen: 70 Prozent Deutsche, 20 Prozent Schweizer, dann kommen Amerikaner, Franzosen, Italiener, Engländer, Spanier. „Wir wurden internationaler in den vergangenen Jahren“ sagt Florian. Die Wochenenden sind sehr gut gebucht von Besuchern aus den Großräumen Stuttgart und Zürich. Aber es gibt auch viele Durchreisende, es gibt Radfahrer, und es gibt Touristen, die eine ganze Woche lang in Konstanz bleiben.
Wie überall gibt es nette und nervige Gäste, auch wenn das Hoteliers natürlich nie so benennen würden. 20 Prozent sind Stammgäste. Die durchschnittliche Auslastung liegt mit 72 Prozent im Jahr über der der Branche. Viele schätzen die Atmosphäre des Hauses. „Manche schicken Grüße zu Feiertagen und einige sogar Weihnachtspäckchen für unsere Mitarbeiter“, erzählt Christiane. Und klar gibt es auch einige unfreundliche Besucher, die sich über Kleinigkeiten aufregen. Zum Beispiel, wenn mal die Diele knarrt, was ja einem 150-jährigen Haus nichts Ungewöhnliches ist.
Nächste Pläne? „Wir planen einen Wellnessbereich mit kleinem Schwimmbad, Sauna, Ruhe- und Massageräumen im Gewölbekeller. Die Genehmigungen dafür in so einem denkmalgeschützten Haus sind schwierig und langwierig. Aber wir sind optimistisch“, berichtet Florian.
Das Rathaus von Konstanz. Daniel Gross führt seit 1992 Generationen von Besuchern durch seine Heimatstadt
Am Münster treffen wir Daniel Gross. Er ist einer der bekanntesten Stadtführer in Konstanz. Der 59-Jährige hat hier Geschichtswissenschaft. studiert. „Das war die Theorie. Und bis heute sehe ich die Praxis, wenn ich einfach nur vor die Tür trete. Das ist doch faszinierend!“ Wir laufen durch den ältesten Stadtteil, Niederburg. Hier gibt es viel alte, schön restaurierte Bausubstanz, angenehm wenig Ladengeschäfte. „Die ältesten archäologischen Funde stammen aus der Zeit um 200 vor Christi. Seit 2200 Jahren geben sich in Niederburg die Generationen praktisch die Klinke in die Hand“, erklärt Gross. Und auch er berichtet neben der historischen von der jungen Stadt Konstanz: „Wir haben zwei Hochschulen, die älteste ist die HTWG und seit 1966 dazu die Uni Konstanz. Das bringt Druck auf den Wohnungsmarkt. Deshalb einigte man sich trotz weiterem Bedarf, die Zahl von 18.000 Studenten nicht zu überschreiten.“ Daniel ist hier am Bodensee geboren, hat immer hier gelebt. Nur einmal wäre er der Liebe wegen fast nach Finnland ausgewandert, „aber das hat sich dann zum Glück zerschlagen. Dann habe ich mich besonnen: In Konstanz habe ich doch alles vor Ort: ein tolle mittelalterliche, dennoch moderne Stadt, eine schöne Bibliothek, eine schöne Universität, einen schönen Strand. Und die Alpen vor der Nase. Was will man mehr?“
Und so führt Daniel Grosse seit 1992 Generationen von Besuchern durch seine Heimatstadt. Dabei legt er auf seinen Dialekt Wert: „Unser Bodenseealemanisch hat mit seiner Weichheit großen Charme und gehört einfach dazu. Das kann man im Englischen nicht so rüberbringen. Deshalb pflege ich meinen Dialekt auch und möchte gar nicht mehr unbedingt Hochdeutsch sprechen.“

Auch Daniels Mutter und deren Ahnen kommen aus Konstanz und Umgebung: „Durch sie habe ich das Gefühl, schon am Münster mitgebaut zu haben. Das ist natürlich Quatsch. Aber dieses Gefühl gibt mir eine Originalität, die sich aus der Geschichte meiner Familie speist. Die Alpen sind ums Eck, der Bodensee liegt vor der Tür. „Ich habe in Konstanz schon als kleines Kind Skifahren gelernt. Und Schwimmen konnte ich schon vor der Grundschule. Wo hat man Beides in solcher Nähe?“
In der Hochsaison hat Gross circa 60-70 Führungen im Monat. Sieben Tage die Woche. Alle 14 Tage versucht er dann, einen freien Tag zu nehmen. Aber das gelingt nicht immer. Die Zeit von Ende April bis Ende Oktober ist bei Touristen sehr gefragt. Auch Dezember und Weihnachten ist nochmals Hochsaison. Eine übliche Führung dauert circa 90 Minuten und kostet pro Person 13 Euro. Gross ist einer von ca. 60 Honorar-Führern der Touristinfo, bekommt aber auch Aufträge auf privater Basis.
Ihm ist es wichtig, ständig in seine Weiterbildung zu investieren. „Im November und Januar/Februar ist etwas Flaute. Dann sitze ich in der Uni-Bibliothek oder im Stadtarchiv und recherchiere Originalquellen, um mich weiter zu bilden und an der Stadtgeschichte zu forschen“, sagt Daniel Gross.

Seine Gäste sind fast immer dankbare Zuhörer. Schwierig seien nur zwei Gruppen: Pensionierte Lehrer („weil sie vermeintlich alles besser wissen“) und Schulklassen. „Die Jugendlichen sind oft nicht aufmerksam, ständig am Handy, laut. Das ist herausfordernd, auch, weil man als Führer keine Rückkopplung erhält. Man erkennt nicht, ob sie dir zuhören oder ob sie sich mit anderen Dingen beschäftigen.“ Umso mehr freut sich Gross noch heute über eine tolle Situation. „Ich führte die siebte Klasse meines Neffen. Es gab keinerlei Mimik oder Reaktionen. Ich wusste gar nicht, ob und wie ich persönlich oder meine Infos überhaupt ankommen. Nach zwei Tagen erhielt ich einen Anruf: Die Schüler bedankten sich sehr. Die Führung sei `wunderbar´ gewesen, sie hätten viel mitgenommen und gelernt. Da habe ich mich riesig gefreut.“
In seinen 34 Jahren als Stadtführer musste Gross nur ein einziges Mal eine Führung abbrechen. Was war passiert? „Letzter Schultag, schönstes Wetter im Juli, Abschlusszeugnistag für 15 Schüler einer Stuttgarter Hauptschule, darunter 14 mit Migrationshintergrund. Deren Motivation war so schlecht, dass ich mich entschied, nach 20 Minuten die Führung abzubrechen und mit ihnen Eis essen zu gehen. Es machte einfach keinen Sinn. Das habe ich bisher nie wieder erlebt und war auch für mich sehr einschneidend. Aber es war die richtige Entscheidung.“
Konstanzer Münster: Aufwändige, farbenfrohe Buntglasfenster, langes schmales Kirchenschiff
Die Konstanzer Altstadt hat einen großen Vorteil. Sie ist überschaubar. Auf kleiner Fläche spielt sich die gesamte historische Geschichte ab. „Für Stadtführungen ist das sehr gut“, weiss Gross. „Meine Gäste werden weniger müde, als wenn sie eine Großstadt durchlaufen. Zwischen unseren Höhepunkten liegen 80 bis 100 Meter, nicht 500 oder 800 wie in Berlin, Köln oder München.
Und wirklich: In Konstanz erlebt der Besucher wenigen 100 Metern komplett andere Stadtbilder: vorn am Ufer den Bodensee samt Seepromenade. Einmal umgedreht blickt man auf das Konzil. Wenige Schritte entfernt liegt schon die Altstadt. Und nur ein paar Meter weiter die kleinen Gassen von Niederburg. Das ist „Großes Kino in kürzester Zeit“, sagt Gross. Vor KI macht er sich übrigens wenig Sorgen: „Sie erleichtert mit QR-Codes usw. Vieles. Aber authentisch ist letztlich nur menschliche Führung." Dennoch: Für Gross ist die KI Ansporn, immer noch ein wenig besser zu werden.

Am Schmetztor treffen wir Roland Scherer. Der malerische Stadtturm stammt aus dem 14. Jahrhundert begrenzt Konstanz südlich. Der 61-Jährige Scherer ist Zunftmeister der „Konstanzer Blätzlebuebe“. 2007 trat er der Zunft bei: „Mein Sohn wollte unbedingt zu den `Blätzle´ und dann bin ich hier mit ihm eingetreten.“ Konstanz ohne Fasnacht gäbe es nicht, sagt Scherer. Fastnacht gehöre hier „einfach dazu.“ Besonderheit der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ist das vielfältige Bild durch die Teilnahme zahlreicher Vereine und Zünfte. "Unsere Zunft pflegt die Häs-Fastnacht“, erklärt Scherer. Dabei liegt der Fokus auf dem Gewand. Während die Kostüme anderer Zünfte jedes Jahr wechseln, ist die Häs immer gleich: Sie besteht aus dem Narrenkleid und der Maske, auch Larve genannt. In vielen alemannischen Orten ist die Häs personenbezogen, wird über Generationen vererbt und darf nicht verändert werden. Sie dient auch der Vermummung, um anonym zu bleiben und eine Narrenfigur darzustellen, etwa Weißnarr, Hexe oder Hansel. Die Häs kann man neu oder gebraucht kaufen. Oder selbst produzieren. Scherer steigt mit uns in die Asservatenkammer: „Wir verleihen inzwischen auch Häsle für 50 Euro. Rund 40 Stück hängen hier.“

Die Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft gehört zu den großen Narrenzünften der traditionellen schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Gegründet wurde sie 1934 von dem Konstanzer Ludwig Müller. Belegt ist die Existenz der Blätzlebuebe aber bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – wahrscheinlich ist die Figur sogar noch wesentlich älter. Heute umfassen die Blätzlebuebe über 1.500 Hästrägerinnen und -träger. Sie gehören damit zu den großen Zünften in Süddeutschland und prägen die traditionelle Konstanzer Straßen-Fastnacht unübersehbar.
Der Narrenrat der Blätzlebuebe besteht aus 14 Mitgliedern. Sie wählen den Zunftmeister. „Ich übernahm das Amt 2021, mein Vorgänger hatte es 23 Jahre inne“, sagt Scherer. „Ich finde es sehr spannend, Traditionen zu bewahren, aber auch weiter zu entwickeln“, begründet er sein Motiv. So bieten die Blätzlebuebe inzwischen eine „Fastnacht für alle“ an. Dabei geht es vor allem um Angebote für Menschen mit Beeinträchtigungen. „Konkret bieten wir extra Plätze für Rollstuhlfahrer oder gehbeschränkte Senioren bei den großen Umzügen an. Und für Blinde machen wir unsere `Blinden-Reportage´, damit auch sie teilhaben können“, erläutert Scherer. Für beide Gruppen ist das sehr wichtig. Die Blätzlebueble ermöglichten so mehr als 150 gesundheitlich Eingeschränkten, an der Fastnacht 2026 teilzunehmen. „Damit haben wir neue Standards gesetzt“, sagt Scherer stolz.
Ein Zunftmeister hat viele schöne Momente – aber auch viel Arbeit. „Besonders ist immer unser Fastnacht-Auftakt“, sagt Scherer. Dann laufen wir an einem kalten Februarmorgen morgens um sechs mit 80 Musikern, Fackeln und Häs-Kostüm durch Konstanz und wecken die Bewohner. Immer ist es noch dunkel und manchmal schneit es sogar.“ Auch ein sehr schöner Moment ist der Kindertag am Rosenmontag. Dann wird das traditionelle „Wurstschnappen“ veranstaltet. „Wir haben bis zu 500 Kinder von zwei bis zwölf Jahren dabei. Dazu 500 Würstchen und 500 Brezeln. Die baumeln mit Angeln über den Köpfen der Kinder. Sie müssen sich beides schnappen. Glückliche Kinderaugen sind garantiert“, weiß Scherer.

Schwieriger wird es mit den zunehmenden behördlichen Auflagen und mit steigenden Kosten. Es sind Großveranstaltungen, es braucht ein jedes Mal wieder ein Sicherheitskonzept. „Wenn bei Fastnacht 7.000 Menschen sind dabei, müssen sie auch geschützt werden. Natürlich atme ich abends durch, wenn alles friedlich geblieben ist und alle gesund und fröhlich zu Hause sind“, sagt Scherer.
Auch um die Finanzen muss er sich kümmern. „Unser Zunfthaus, das Schnetztor, haben wir selbst renoviert. Es wird aber das ganze Winterhalbjahr mit Gas geheizt, die Gaskosten steigen. Und zweimal im Jahr fahren wir mit vier Bussen zu Narrentreffen, auch dafür steigen die Kosten. Jede Reise kostet jetzt schon bis zu 8.000 Euro“, rechnet Scherer vor. Einnahmen kommen über Mitgliedsbeiträge, aber die sind überschaubar: Kinder zahlen zehn, Erwachsene zwanzig Euro im Jahr. Zusätzliche Einnahmen bringt der jährliche Blätzle-Ball mit 800 Teilnehmern. Es gibt sogar einen „Kinder-Ball“! Dazu kommen noch ein paar Spenden und ein bisschen Bewirtung im Schnetztor. „Aber das sind alles kleinere Summen. Wir müssen immer sehr genau rechnen“, sagt Scherer.
Es gibt wenig Orte wie Konstanz, wo die Fastnacht so ausgeprägt gefeiert wird. „Dieses Jahr habe ich 28 Mitglieder für 50 Jahre ununterbrochene Mitgliedschaft bei den Blätzlebuebe“ auszeichnen können“, freut sich Scherer. „Das zeigt das Engagement der Bürger.“ Das Schöne ist die Vielfalt der Fastnacht in Konstanz. Sie ist sehr lebendig und wandelbar im Laufe der Jahre. Man erlebt immer wieder Überraschungen und Neues.

Scherer ist übrigens Politikwissenschaftler. Er leitet ein Institut für Regionalwissenschaft an der Universität St. Gallen. „Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung von Städten und Regionen.“ Scherer ist damit auch einer von 70.000 deutschen Grenzgängern, die in der Schweiz arbeiten.

Am nächsten Tag erkunden wir die Umgebung von Konstanz. Breite Radwege durchziehen die Region, sie sind viel befahren. Die Zimmerkarte gilt als „Bodensee-Pass“ für Bus und Bahn. Ein Auto ist nicht nötig. Am westlichen Bodensee liegt die Insel Reichenau: 4,5 km lang und gerade mal 1,5 km breit. Erst seit 1838 ist sie durch einen künstlich aufgeschütteten Damm mit dem „Festland“ verbunden. Das Besondere sind die drei romanischen Kirchen der Insel: das Münster St.Maria und Markus sowie die Kirchen St.Georg und St.Peter und Paul. Sie alle präsentieren bis heute auf eindrückliche Weise den Reichtum und Weltruhm der Reichenauer Abtei, die bis ins 11. Jahrhundert hinein als eines der geistigen Zentren des Abendlandes galt.

Damals standen über 20 Kirchen und Kapellen auf dem heiligen Eiland, Weinberge prägten das Inselbild. Zahlreiche Gemüsefelder künden noch heute von der Fruchtbarkeit und der landwirtschaftlichen Kultivierung der „reichen Au“, auf der sich der Wanderbischof Pirmin im Jahr 724 niederließ und ein Kloster errichtete. Einen Beleg für die Kunstfertigkeiten der berühmten Reichenauer Malerschule geben unter anderem die frühmittelalterlichen Wandmalereien der Kirche St. Georg, die zu den ältesten und besterhaltenen weltweit zählen. Auch die Schatzkammer des Münsters birgt eine Vielzahl von Kunstschätzen. All diese herausragenden Zeugnisse mittelalterlichen Klosterlebens wurden im Mai 2000 mit einer Aufnahme der Insel Reichenau in die Weltkulturerbeliste der UNESCO bedacht. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …. (Mai 2026)
Fotos: Hafner(20), Marketing und Tourismus Konstanz GmbH (4), Familie Miehle (2)
Infos, Buchungen, Stadtführungen:
Anreise:
Bahn: ICE bis Karlsruhe oder Offenburg, dann Schwarzwaldbahn direkt nach Konstanz
ICE/SBB München–Zürich bis Lindau, dann über Friedrichshafen, Meersburg nach Konstanz
Auto: A 81 bis Singen, weiter auf der B 33 nach Konstanz
Flug: über München, Zürich oder Memmingen, dann Mietauto oder Bahn/Bus






























