Zwischen Obstgärten und Weinbergen: Wo der Norden schon Süden ist
Südtirol punktet mit 300 Sonnentagen im Jahr. Bozen und Meran kennt (fast) jeder.
Algund und Marling spielen längst in einer eigenen Liga

Blick auf das Dorf Algund, Meran und das Etschtal
Von Fred Hafner
Algund/Marling. Es ist dieser Duft von blühenden Obstbäumen. Wer gleich morgens auf den Balkon tritt, riecht es sofort. Der Blick schweift über Äpfelplantagen und Weinreben. Sie ziehen sich kilometerweit über die Berghänge und stehen in voller Pracht. Über den Dächern von Algund liegt noch Nebel, während die ersten Sonnenstrahlen schon die Gipfel der Texelgruppe beleuchten. In den Gärten glitzert Tau. Zwischen den Apfelbäumen erwacht langsam das Dorfleben. Es ist diese besondere Mischung aus alpiner Bergwelt und südlicher Leichtigkeit, die Algund und das benachbarte Marling so unverwechselbar macht.
Nur wenige Kilometer von der bekannten Kurstadt Meran entfernt, bilden die beiden Gemeinden eine eigene kleine Welt. Hier geht es ruhiger zu. Vor dem Hotel „Mühlbacherhof“ mitten im Ortskern gibt es einen kleinen Dorfladen. Man nimmt sich Zeit für einen Schwatz mit dem Nachbarn, einen Spaziergang oder einen Cappuccino auf dem Dorfplatz.

Hier geht's noch gemütlich zu: Dorfzentrum von Algund mit der neuen Pfarrkirche, erbaut erst 1966 bis 1971
Algund wird nicht ohne Grund als Gartendorf bezeichnet. Rund um den Ort erstrecken sich weitläufige Apfelwiesen, Weinberge und gepflegte Gärten. Die Gemeinde reicht von der Talsohle bis hinauf in die Bergwelt des Naturparks Texelgruppe. Dadurch treffen unterschiedliche Landschaften und Klimazonen aufeinander.
Im Frühling verwandeln die blühenden Apfelbäume die Umgebung in ein weiß-rosa Blütenmeer. Im Sommer liegt der Duft reifer Früchte in der Luft, im Herbst prägen die Weinlese und die Erntezeit das Dorf.
Nur wenige Kilometer entfernt liegt Marling. Das Dorf schmiegt sich an den sonnigen Hang oberhalb der Etsch. Es bietet einen einzigartigen Blick auf Meran und die umliegende Bergwelt. Marling gilt als eines der traditionsreichen Weindörfer Südtirols. Die Reben haben hier eine lange Geschichte. Bereits aus dem 12. Jahrhundert finden sich Aufzeichnungen über den Weinbau in Marling. Bis heute prägen die Reben das Landschaftsbild. Sie bestimmen den Rhythmus vieler landwirtschaftlicher Betriebe.
Wer durch das Dorf spaziert, entdeckt gepflegte Bauernhöfe, historische Gebäude, gemütliche Gasthäuser und stylische Hotels. Etwa das Hotel „Marlena“ mit seinen vielen Zypressen im italienischen Stil oder das Haus „Oberwirt“ in der Dorfmitte, 530 Jahre jung, in 11. Generation geführt. Im Mittelpunkt steht die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt mit ihrem markanten Kirchturm. Ihre Glocken sind weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt. Sogar der Komponist Franz Liszt ließ sich während eines Aufenthalts in Marling von ihrem Klang inspirieren und schrieb das Musikstück „Ihr Glocken von Marling“.
Besonders reizvoll ist Marling im Herbst. Wenn sich die Weinblätter golden und rot färben, beginnt eine der schönsten Jahreszeiten. In den zahlreichen Buschenschänken wird das traditionelle „Törggelen“ gefeiert. Kastanien, neue Weine, Speck und typische Südtiroler Spezialitäten kommen auf den Tisch.

Spektakulär: Im Hotel Marlena in Marling liegt dem Gast Meran zu Füßen

Prunkvoll: Marlings Pfarrkirche Maria Himmelfahrt trohnt im Zentrum. Sie wurde bereits 1166 erstmals erwähnt
Eine besondere Verbindung zwischen Algund und Marling schafft die Landschaft selbst. Der berühmte Marlinger Waalweg gehört zu den schönsten Wanderwegen der Region. Mit rund zwölf Kilometern ist er der längste Waalweg Südtirols.
Seine Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Kartäusermönche aus dem Schnalstal ließen den Bewässerungskanal zwischen 1737 und 1756 anlegen, um ihre landwirtschaftlichen Flächen mit Wasser zu versorgen. Was einst ein wichtiger Bestandteil der Landwirtschaft war, ist heute ein beliebtes Ziel für Wanderer und Naturliebhaber.
Der Weg führt durch Wälder, vorbei an Kastanienbäumen, Apfelwiesen und Weinbergen. Immer wieder öffnet sich der Blick auf das Meraner Becken und die mächtigen Gipfel der Texelgruppe. Das leise Plätschern des Wassers begleitet die Wanderer und verleiht dem Weg eine beinahe meditative Atmosphäre.
Hier wird deutlich, wie eng Natur, Geschichte und Landwirtschaft miteinander verbunden sind. Die alten Wasserläufe sind nicht nur technische Zeugnisse vergangener Zeiten, sondern auch ein Stück Südtiroler Kulturlandschaft.

Waalweg – eine fast meditative Atmosphäre
Was Algund und Marling besonders auszeichnet, sind nicht allein die schönen Landschaften und Sehenswürdigkeiten. Es sind vor allem die Einwohner und die Atmosphäre, die die Besucher empfangen.
In den Gasthäusern werden traditionelle Gerichte serviert, auf den Höfen Äpfel und Trauben verarbeitet. Und in den Weinkellern entstehen edle Tropfen. Die Menschen pflegen ihre Traditionen und sind stolz auf ihre Heimat.
Dabei haben beide Orte ihren eigenen Charakter bewahrt. Algund verbindet die Nähe zur Kurstadt Meran mit dem Charme eines Gartendorfes. Marling hingegen besticht mit seiner Weinkultur, seiner historischen Dorfstruktur und seiner aussichtsreichen Lage.

Prall und üppig hängen die Weinreben im Herbst voll mit Trauben

Algund bietet eine besondere Aussichtplattform: die beeindruckend großen Trauttmansdorffer Thronsessel
Soraya Hamedi hat Publizistik in Wien studiert, verantwortet jetzt das Marketing für Algund: „Natürlich ist die Nähe zu Meran ein Vorteil für uns. Aber wir konkurrieren nicht. Viele Gäste besuchen Meran, aber zum Erholen und Schlafen kommen sie dann gern zu uns.“ Algund ist ein ruhiges, sehr gepflegtes, gleichzeitig aktives Dorf. Es gibt viele Feste im Jahr: allein jetzt im Herbst das „Törggele“-Fest mit vielfältigen Genuss rund um die Esskastanie, dann der dreitägige Event-Genussmarkt auf dem Kirchplatz, das Bio-Fest, der Bauernmarkt und natürlich das Wein-Festival – die Gemeinschaft funktioniert in der Gemeinde Algund. Es gibt renommierte Restaurants und Hotels, viel Kultur. Es gibt von frühmorgens bis spätabends eine Busverbindung aller 10 Minuten mit Meran. Und es gibt wunderschöne Wanderwege und historische Seilbahnen.
Zum Beispiel den einsitzigen Sessellift nach Vellau und den sich anschließenden Korblift auf die Leiteralm. Beides sind historische Unikate. So etwas wird heute gar nicht mehr gebaut. Der Korblift ist ein nostalgischer Stehlift mit offenen, grünen Drahtgitterkörben, der seit 1965 in Betrieb ist. Er fasst zwei, maximal drei Personen. Beim Ein- und Ausstieg ist etwas Trittsicherheit gefragt, außerdem sollte man keine Höhenangst haben. Denn das Drahtgeflecht ist nach unten offen. Die Aussichten sind grandios in alle Richtungen: Nach links, nach rechts und durch den Drahtkorb direkt nach unten.


Historischer Korblift in Algund auf die Leiteralm: Trittsicherheit beim Ein- und Ausstieg sowie keine Höhenangst sind gefragt – aber dann ist es ein einmaliges Erlebnis
Wenn Norbert Rechenmacher seine Gäste durch die Algunder Weinberge führt, schweben die Lifte über deren Köpfen. „Die kommen dann aus dem Staunen nicht raus“, sagt der 77-Jährige fitte in Algund geborene Pensionär. Er war zeitlebens Banker und viel im Ausland unterwegs. „Im Alter möchte ich meiner Gemeinde gern etwas zurückgeben. Deshalb führe ich seit vier Jahren regelmäßig einmal wöchentlich durch unsere Rebenflächen. Die Gäste erfreuen sich an unserer wunderschönen Kulturlandschaft“, sagt der Banker.

Norbert Rechenmacher (l.) führt durch die Weinberge

Waalweg oberhalb von Algund
400.000 Hektoliter Wein werden in Südtirol jährlich produziert, 65 Prozent weiß, 35 Prozent rot. Winzer auf Schloss Plars ist Andreas Theiner. Das Schloss gibt es seit 1357, das Thema Wein ist über Jahrhunderte immer präsent. „Mein Großvater Franz Theiner hat es 1911 gekauft. Schon seit Jahrhunderten wird hier Wein produziert, damals in Holzfässern nach Österreich exportiert.“ Die Weinproduktion auf dem Anwesen des Schlosses lag schon bei 10.000 Hektolitern jährlich, jetzt sind es nur noch 5.800. „Inzwischen geht es mehr um Qualität statt Quantität“, sagt Theiner. 2004 hat er das Schloss mit seiner Frau gekauft, auf zwei Hektar bauen sie Wein an, „der Rest ist Obstproduktion.“ Nach und nach erneuerten sie die Rebstöcke. Eine neue Pflanze bringt nach 4 Jahren erste Erträge.
Der Durchschnitts-Weinbauer hat nur 1 ha Fläche in Südtirol. Alles ist sehr kleinteilig und genossenschaftlich organisiert. 70 % der Trauben werden an Genossenschaften geliefert, die sich dann um Produktion und Vermarktung kümmert.
Theiner produziert jährlich 14.000 Flaschen Wein. Erntezeit ist normalerweise von Anfang September bis Anfang Oktober. „Aber dieses Jahr haben wir schon ab 17. August geerntet. Die Trauben waren reif, hatten genügend Zucker mussten von den Reben geholt werden.“ Theiner merkt, dass die Vermarktung schwieriger wird, weil die Gesundheitswelle rollt. „Vor allem Rotwein wird weniger getrunken. Und heisse Sommer mindern den Alkoholgenuss insgesamt“, so Theiners Erfahrungen der vergangenen Jahre.


Qualität vor Quantität: Andreas Theiner produziert jährlich 14.000 Flaschen Wein
Der Winzer ist aber genauso stolz auf seinen historischen Schlosskeller mit altehrwürdigen Tropfen
Die Algunder Sennerei wurde 1899 gegründet. Heute liefern mehr als 60 Bauern aus der Umgebung täglich 8.000 Liter Milch. Deren Höfe liegen zwischen 800 und 1.500 Metern hoch, zwei Fahrer der Sennerei holen die Milch täglich, auch sonntags, ab. Denn Kühe kennen keinen freien Tag. Die Bergbauern sind in der Regel im Nebenerwerb tätig: Die Frau arbeitet im Stall, der Mann in der Fabrik, im Amt, in der Stadt. Die Bauern liefern die Rohmilch, um Produktion und Vermarktung kümmert sich dann die Sennerei. „Wir zahlen den Bauern faire Preise“, sagt Sennerin Edith, „das ist uns sehr wichtig.“ Die gelernte Käsesommelierin bietet von Ostern bis November wöchentlich zweimal Führungen an. „Vor allem Familien mit Kindern nutzen das Angebot gern, können sie doch dann auch ihren eigenen Frischkäse produzieren und mit nach Hause nehmen.“
In der Mitte des Raumes steht ein achteckiger Tisch, an dem sich bis zu 16 Besucher an ihrem „Arbeitsplatz“ zu schaffen machen. Die 38 Grad warme Milch steht griffbereit, daneben eine Kanüle mit perfekt dosiertem Lab. Das wird in die Milch eingerührt. Nach 15 Minuten ist sie „dick“ geronnen. Mit einer Käseharfe wird sie vorsichtig in kirschgroße Stücke geteilt, dann kommen Schnittlauf und Gewürze dazu, fertig ist der Frischkäse! Der Preis von 9 Euro pro Person und Führung ist bewusst mäßig und familienfreundlich gewählt, sagt Edith und außerdem: „Viele kaufen hinterher auch noch bei uns im Bio-Laden ein.“ Dort ist die Auswahl gewaltig: halbfetter Bauernkäse, vollfetter Stangenkäse, der beliebte Algunder Bergkäse, Rohmilchkäse, Vellauer Frischkäse mit und ohne Rucola, Grau-, Mager-, Kräuterkäse, Pfefferer, Wacholder-, Peperoni-Thymian-, Bockshorn-, Wein-, Trüffelkäse, Bio-Camembert, Bio-Weichkäse, Ziegen-Parmesan. Dazu diverse Butter-, Milch-, Buttermilch- und Quarksorten. In der Sennerei Algund kaufen Einheimische wie Touristen gleichermaßen ein. Hier findet jeder seinen Favoriten!

Sennerin Edith bietet Führungen zu erschwinglichen Preisen. Sehr gern kommen Familien ...

... die dann ihren eigenen Frischkäse produzieren können. Die Sennerei Algund verarbeitet die Milch von mehr als 60 Bauern der direkten Umgebung. Wichtig ist: "Wir zahlen ihnen faire Preise."

Gestärkt wechseln wir nach Marling. Hier ist Hannes Kofler seit 20 Jahren Tourismusdirektor. Auch er sieht keine Konkurrenz, eher eine Symbiose zu Meran: „Wir profitieren hier in Marling natürlich von der Marke Meran. Die Gäste sind interessiert an der Sissi-Stadt, um sich die Wirkungsstätten der ehemaligen Kaiserin anzuschauen. Aber zum Schlafen, Wohnen und Erholen kommen sie dann gern in die Dörfer oberhalb von Meran. Und hier haben wir in Marling wegen unserer Lage hoch oben und wegen der tollen Ausblicke auf das gesamte Etschtal natürlich eine Spitzenposition.“
75 Prozent der Urlauber in Marling kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Vor-Corona-Zahlen sind längst übertroffen, jährlich wachsen die Übernachtungszahlen um fünf bis sieben Prozent, sagt Kofler. „Wir wollen künftig neben dem deutschsprachigen Raum auch noch mehr Gäste aus Benelux, Nord- und Südeuropa gewinnen.“ Auch Marling profitiert von guter ÖPNV-Anbindung. Hinzu kommt der Südtirol-Pass. Er wird hier wie auch in Algund von zahlreichen Hotels an Gäste kostenlos ausgegeben. Das veranlasst viele Urlauber, ihr Auto stehen zu lassen. Kein Parkplatzstress im Tal, bequeme Rundwanderungen auf den Bergen sind die Motive. Die Busse fahren in dichtem Takt und (fast) überall hin.
Kofler ist ehrlich, sieht das „Zugpferd“ Meran als Segen und Fluch zugleich: „Schwierig ist die Nahversorgung in den kleinen Orten. Bei uns in Marling verschwinden die Läden, weil Leute hier nicht einkaufen. Dafür nutzen sie gern die größere Auswahl in Meran oder auch in Bozen. Beim Shopping ziehen sie eben die quirlige Stadt und die dortige Auswahl vor.“ Das sei aber eher ein Problem für die heimische Wirtschaft, weniger für den Tourismus, so Kofler. „Der Gast gibt sein Geld für Übernachtung und Gastronomie gern bei uns aus, aber die Geschäfte leiden schon.“
Marling hat jährlich 250.000 Übernachtungen, durchschnittlich 4,7 Nächte bleibt ein Urlauber – macht etwa 53.000 Touristen pro Jahr. Und: Marling hat eine hohe Dichte von Vier-Sterne-Hotels und -Restaurants. Und alle sind gut gefüllt.

Marling: Kultlokal "IM KULT": Aus der ehemaligen Seifenfabrik wurde ein gut frequentiertes Szenelokal in Industriestil
Aber es gibt auch wirtschaftliche Leuchttürme in Marling: Die Kellerei Meran hat sich hier oben angesiedelt und bietet 40 Arbeitsplätze. Sie ist ein Zusammenschluss von drei Kellereien (Algund, Marling, Meran), deren älteste – Marling – schon seit 1901 existiert.
360 Mitglieder bzw. Weinbauern vereint die Genossenschaft Meran derzeit. Sie bewirtschaften insgesamt 300 Hektar Weinanbaufläche. Das Prinzip ist das gleiche wie in der Sennerei: Die Bauern produzieren den Wein, die Kellerei verarbeitet und vermarktet ihn. 1,3 Mio Flaschen werden jährlich produziert, dafür ist ein repräsentatives Gebäude in Marling entstanden.
Im Gegensatz zur Sennerei in Algund müssen die Bauern allerdings ihren Wein zur Kellerei in Marling selbst anliefern. Dafür bekommen sie zur Erntezeit eine SMS, an welchem Tag bzw. Woche ihre Rebsorte gewünscht ist. 23 Traubensorten werden hier von 40 Mitarbeitern zu unterschiedlichen Qualitäten verarbeitet, 2.300 Tonnen Wein dafür angeliefert.

Neugebaute Kellerei in Marling mit attraktivem Showroom ....

.... und modernen Produktionshallen. Jährlich werden hier 1,3 Millionen Flaschen Wein ausgeliefert
Stefan Kapfinger ist der Kellermeister in Marling. „Unsere Rebflächen in Südtirol sind sehr steil. Das hat den Nachteil, dass alles mit der Hand und mit schwerer Arbeit angebaut, gepflegt und geerntet werden muss. Aber das hat natürlich auch den Vorteil, dass man exakter arbeiten kann als die Maschine: Schlechtes wird weggeschnitten, Triebe akkurat entfernt, der Bauern kennt jede seiner Reben exakt.“
Und was macht ein Kellermeister eigentlich den lieben langen Tag? „Ich begutachte die Trauben bei der Anlieferung. Das ist wie ein Koch, der auf seine Zutaten achtet. Mit den Kollegen entscheide ich dann täglich neu über die Verarbeitung dieser und jener Rebsorte im Keller.“ 2026 sei ein sehr guter Jahrgang gewesen, so Kapfinger. Wegen der vielen Sonne waren Fäulnis oder Verluste kein Thema.
Aber auch er sieht Wolken am Horizont: Die Wein-Umsätze stagnieren bzw. gehen wegen der Gesundheitswelle zurück. „Wir können unsere Preise nicht erhöhen, aber rund um uns steigt alles: Preise für Energie, Fässer, Glas, Löhne.“
Über Lösungen für die kommenden Jahren denken sie nach, geringere Alkoholgehalte könnten helfen. Alkoholfreien Wein hält Kapfinger für noch nicht ausgereift. „Da brauchen wir noch bessere Technologien, um den Geschmack auch bei null Prozent zu sichern.“ Eine andere Möglichkeit wäre, mehr Traubensaft zu produzieren.

Kellermeister Stefan Kapfinger: "Im Zuge der Gesundheitswelle sind neue Ideen gefragt."

Stylische Produktionshalle, kein Showroom: In Marling halten neue Ideen schon Einzug
Jetzt aber an die frische Luft: Ein besonderes Erlebnis ist der Marlinger Waalweg. Die Bezeichnung leitet sich vermutlich vom lateinischen Wort Aqualis (Wasserlauf) ab. Zur Instandhaltung und Pflege eines Waals wurde meist ein schmaler Steg, der Waalweg, errichtet. Ein eigens zuständiger Waaler sorgte für die Funktionstüchtigkeit und gerechte Verteilung des kostbaren Nasses in den sommertrockenen Niederungen. Heute sind aus den Pfaden beliebte Wander- und Spazierwege entstanden.
Der Marlinger Waalweg führt durch Weinberge und Wälder und eröffnet immer wieder schöne Ausblicke auf Meran und das Etschtal. Er ist mit 12 km zwischen Töll und Lana der längste hier in der Gegend.
Sepp Wolf ist Weinbauer und Biobauer. Hin und wieder führt er Gäste am Waalweg. Der 67-Jährige hat einen eigenen Hof, den Giodnerhof. Hier bewirtschaftet er mit der Familie und in der Erntezeit mit Helfern 10 Hektar Fläche: 8 für Äpfel und 2 für Wein. „Unser Hof war im Besitz der Kartäuser. Und die Kartäuser haben diesen Waalweg angelegt.“ Daher hat Wolf historisches Wissen um dieses Kulturgut. Er zeigt eine einfache Hütte, immerhin aus Feldsteinen, am Waalweg, an denen der Waaler übernachten konnte. War er doch rund um die Uhr für die sichere Wasserversorgung verantwortlich. Die alten „Waale“ erinnern daran, wie wichtig Wasser für die Landwirtschaft in dieser Region schon vor Jahrhunderten war.
Heute ist der Waaler Angestellter eines Konsortiums, dass die Waale hier rund um Uhr beaufsichtigt. Meistens macht er das im Nebenjob. Täglich muss er neu einschätzen: Wieviel Wasser wird in den nächsten Tagen hier gebraucht? Um dann die richtige Menge zu regulieren. Vieles läuft heute elektronisch, so dass sich der Waaler auf eine Sichtprobe am Tag beschränkt.

Sepp Wolf ist Bio-Bauer und "Waalweg-Experte". Sein Hof war im Besitz der Kartäuser, die den Waalweg anlegten

Der Waalweg ist Kulturgut. Er dient bis heute den Bauern zur Bewässerung, den Touristen als Wander- und Spazierweg. Der Marlinger Waalweg ist mit 12 km der längste in ganz Südtirol
Der Marlinger Waal sichert die Bewässerung auf rund 300 ha Wiesen und Äckern. Sein Bau in der Mitte des 18. Jahrhunderts geht auf das Kartäuserkloster Allerengelberg im Schnalstal zurück. 1619 hatten die Kartäuser den Gojenhof, heute Goidnerhof, in Marling gekauft, für ihren Bedarf an Wein. Uber 100 Jahre später gingen sie daran, zur Bewässerung der Reben einen Waal anzulegen – von der Etsch den gesamten Marlinger Berg entlang.
Die Kartäuser waren im Waalbau erfahren. Sie hatten bereits einige ihrer Klosterhöfe im Schnalstal über Kanäle und Rinnen mit Wasser versorgt. Der Bau des Marlinger Waales war dennoch viel schwieriger als erwartet, besonders auf dem ersten Kilometer durch steilen Fels. Als 1737 die Arbeiten begannen, wurde mit Kosten von 12.000 Gulden gerechnet. Der Bau dauerte 19 Jahre und kostete am Ende 80.000 Gulden. Ohne die Hilfe der Gemeinde Marling hätte die Klosterverwaltung den Waal wohl nie zu Ende gebaut. 1897 ging an der Töll ein Wasserkraftwerk in Betrieb. Seitdem fließt das Wasser auf den ersten 800 Metern unterirdisch durch den Berg.
Früher waren an dem Kanal bis zu drei „Waaler" beschäftigt. Sie mussten dafür sorgen, dass das Wasser nie ausblieb. Ihr Alarmsystem funktioniert noch heute: Ein an einem Wasserrad befestigter Hammer schlägt bei jeder Umdrehung auf eine Schelle. Bleibt der regelmäßige Klang der Schelle aus, wusste der Waaler: Kein Wasser mehr. In diesem Fall machten sich die Waaler schnell auf den Weg, um nach der Ursache zu suchen. Für die Nacht und bei Gewittern stand ihnen eine dieser Waalerhütten zur Verfügung. Die Bauern wiederum hatten die Möglichkeit, zu bezahlen. Oder beim Bau mitzuhelfen, um später auch vom Wasser zu profitieren.
Heute ist der „Waal“ für alle da: für die Weinbauern ebenso wie für die Gemeinde und für die Touristen. Deshalb begehen alle Verantwortlichen einmal im Jahr den Waalweg gemeinsam. Sie legen fest, was repariert werden muss und wer das übernimmt. Und alle haben etwas davon.
Das Waalwasser hat zwar keine Trinkwasserqualität, ist aber heutzutage durch die Klärwerke sehr sauber, sagt Wolf. Aber das Wichtigste ist: Der Waal hat seit seiner Entstehung 1735 für die Landwirtschaft nicht an Bedeutung verloren. Er ist für die Bewässerung des Weines heute so wichtig wie damals. Auch für Touristen birgt er einen Riesenvorteil: Während es anderenorts häufig steiler bergauf und bergab geht, verläuft der Waalweg garantiert immer in leichtem Gefälle abwärts. Oder umgekehrt eben aufwärts. Wie das Wasser eben: Kein großes Gefälle, keine Steigungen.

Schlafhütte für Waaler am Waalweg

Hinweistafeln erklären die Landschaft
Stefan und Stephanie Schwienbacher bewirtschaften den Hoferhof. Um zu ihnen zu gelangen, muss man größere Steigungen überwinden. Die Jausenstation liegt 815 Meter am Marlinger Berg hoch über Marling und Meran. 2015 haben sie den Hof von Stefans Eltern übernommen, die ihn zuvor 35 Jahre bewirtschaftet hatten. Der traditionsgeführte Betrieb bietet Südtiroler Traditionsspeisen: Speckknödel, Schlutzkrapfen, Bratkartoffeln mit Speck, Kastanienrouladen. „Überhaupt sind Kastanienspeisen wieder groß im Kommen, das waren früher Arme-Leute-Essen“, sagt Stephanie. Sie steht in der Küche und bereitet täglich alles frisch zu. Dafür musste sie von Verkäuferin zur Köchin umlernen.
Stefans 75-Jährige Mama baut weiterhin das Gemüse im hofeigenen Garten an und erntet es für die Küche. Auch der 80-Jährige Papa legt noch mit Hand an.
Brot backen sie hier selbst, aber für vieles muss Stefan ins Tal. Denn nicht alle Lieferanten trauen sich mit ihren Lkw hinauf, weshalb er dreimal die Woche unten einkauft: Getränke, Fleisch, Käse, Milchprodukte. „Eine flexible Speisekarte ist wichtig, schließlich wissen wir nie, wieviel Gäste täglich hoch kommen“, sagt Stephanie. Bis zu 30 können die Wirtsleute gut beköstigen, dann wird’s schwierig. Es passt fast immer“, sagt Stefan, der sich kein anderes Leben als hier oben mehr vorstellen kann. „Wir haben unser Glück gefunden!“

Der Hoferhof liegt hoch über Marling

Im hauseigenen Garten wächst das Gemüse für die Küche
Am letzten Tag fahren wir mit der Vigil-Bahn aufs Vigiljoch. Die ursprüngliche Bahn wurde 1912 eröffnet und gehört zu den ältesten Seilbahnen Europas. Vor drei Jahren wurde sie umfassend erneuert und im August 2023 wiedereröffnet. Die modernen Kabinen bieten jetzt Platz für bis zu 40 Personen (vorher 20). Die Fahrzeit auf rund 1.486 Meter Höhe beträgt nur sechs Minuten! Und das bei einer Streckenlänge von 2,216 Kilometern und 1,158 km Höhenunterschied! An der Bergstation schließt sich (wieder) ein nostalgischer Einser-Sessellift an, der weiter auf ca. 1.800 Meter Höhe fährt. 15 Minuten gleiten wir lautlos an frischer Luft durch den bunten Herbstwald.
Nach kurzer Wanderung erreichen wir das Berggasthaus „Seespitz“, direkt am Biotop „Schwarze Lacke“ gelegen. Stephanie Platter führt es mit ihrer Familie. Auch hier müssen sie fast alles selbst aus dem Tal holen, weil die Lieferanten nicht hochfahren (möchten oder wollen). Auch hier müssen die Wirtsleute mit wechselnder Nachfrage kalkulieren und Einkäufe und Personal dem Bedarf anpassen. Das Gasthaus besteht seit 1914, wurde mehrfach renoviert und ist heute mit großen Panoramascheiben, Photovoltaik und schönem Kinderspielplatz modern ausgestattet. Draußen gibt es 240, drinnen 150 Sitzplätze. Geöffnet ist fast ganzjährig, nur im Dezember und Januar ist ein paar Wochen geschlossen. Auch hier kommen die Gäste wegen der sehr guten Küche und der Herzlichkeit der Gastgeber gern auf den Berg.

Berggasthof Seespitz hoch über Marling, direkt am Biotop "Schwarze Lacke": Weil Seilbahnen und Gasthäuser zuverlässig dienstbereit und offen sind, kommen die Wanderer gern hier hoch

Stephanie Platter führt den Berggasthof mit Familie

Urige Küche, mäßige Preise
Wieder haben Algund und Marling etwas gemein: Das Freizeitverhalten und die Bergwanderungen funktionieren hier auch deshalb so gut, weil es viel Gastronomie gibt. Man ist eigentlich immer sicher, irgendwo etwas zu Essen und zu Trinken zu bekommen. "Es gibt eine reiche Auswahl an Jausenstationen und Bergschenken. Und weil dazu die Seilbahnen und Sessellifte zuverlässig und pünktlich fahren und dann natürlich noch der Bike-Tourismus dazukommt, erleben wir einen Zuwachs in den Ausflugszielen“, sagt Hannes Kofler in Marling. Auch Soraya Hamedi nutzt in ihrer Freizeit die vielfältigen Möglichkeiten. „Ich bin jetzt schon einige Zeit hier in Algund, habe aber längst noch nicht alles in den umliegenden Bergen entdeckt.“
Es bleibt also dabei: Bozen und Meran kann man gern besuchen. Aber Algund und Marling spielen längst in einer eigenen Liga. (Oktober 2026)

Früher waren drei Waaler angestellt, heute ist es noch einer. Die Aufgaben sind gleich geblieben, aber inzwischen ist deutlich mehr Technik eingezogen

Apfel und Wein auf Schritt und Tritt: immer prall und von der Sonne verwöhnt

Zahlreiche Wanderwege
Infos und Buchungen:
Übernachtungsvorschläge, Spitzengastronomie:
Hotel „Mühlbacherhof“ in Algund:
https://www.muehlbacherhof.com/de/
Bei Chefin Gabriele Tschenett fühlt man sich mitten im historischen Dorfkern sehr wohl, sie bietet ihren Gästen ein zweites Wohnzimmer
Hotel „Marlena“ in Marling:
Seniorchef Hans Inderst führt ein außergewöhnliches Haus, das wie eine grüne Insel oberhalb der Kurstadt Meran thront
Spitzengastronomie in Marling: „Oberwirt“
https://restaurant-oberwirt.com/
Das Hotel feiert 530 Jahre
Familie Waldner führt es in 11. Generation
Unbedingt besuchen:
Erlebniskeller Rochelehof:
https://www.rochelehof.it/de/erlebniskeller-marling/
Mal eine ganz andere Weinführung durch und mit dem Historiker Walter Mairhofer – mit vielen Überraschungen. Versprochen!
Weinkellerei Meran in Marling:
https://www.kellereimeran.it/de/
Sennerei Algund:
https://www.sennereialgund.it/
"IM KULT", Marling:
Stylisches Restaurant im Industriedesign in ehemaliger Seifenfabrik
Mithelfen, Miterleben:
Wer direkt mithelfen und miterleben möchte, arbeitet bei Bergbauern gegen freie Kost und Logis mit:
Anreise:
Bahn: ICE nach München, Railjet bis Bozen, Regionalzug nach Meran, Bus
Auto: Brennerautobahn bis Bozen, dann Schnellstraße nach Meran
Flug: Airport Bozen, dann Zug oder Mietauto